Pierre Bonnard (1867-1947), »Terrasse in Südfrankreich«, um 1925, Öl auf Leinwand, 78 x 63 cm, Collection Fondation Glénat, Grenoble Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 

Henri Matisse (1869-1954), »Die Bucht von Saint-Tropez«, 1904, Öl auf Leinwand, 65 x 50,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Foto: Walter Klein, Düsseldorf

Männerfreundschaft

Von Lavinia Hudson

Es ist Herbst in Frankfurt am Main, die Blätter verfärben sich, der Wind weht, die Tage werden kürzer, die Dunkelheit beeilt sich und der Herbstblues zieht ein. Doch einen farbigen Lichtblick gibt es, geradezu ein Farbrausch ist im Städel Museum mit der groß angelegten Sonderausstellung »Matisse – Bonnard: Es lebe die Malerei« zu sehen. Dieser Titel der Ausstellung beruht auf einem Ausruf, mit dem Matisse seinen Freund Bonnard mit wenigen Worten auf einer Postkarte aus Amsterdam grüßte. Diese schmalen Worte waren der Beginn eines über 20-jährigen Briefwechsels, der von gegenseitiger Wertschätzung und Bewunderung zeugte. Anhand von rund 120 Gemälden, Plastiken, Zeichnungen und Grafiken eröffnet die Schau einen Dialog zwischen Matisse und Bonnard, gibt damit neue Perspektiven auf die Entwicklung der europäischen Avantgarde vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges frei. Dabei setzen sich beide Künstler intensiv mit den gleichen künstlerischen Sujets auseinander: Interieur, Stillleben, Landschaften und besonders mit dem weiblichen Akt.

Diese gemeinsame Präsentation zeigt, wie sehr sich beide Künstler gegenseitig bewundert und geschätzt haben. Diese Dualität soll diese beiden Künstler nicht gegenüberstellen, sondern vielmehr das vergleichende Sehen ermöglichen und dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede freilegen. Bonnard und Matisse zeichnen eine individuelle Form- und Farbsprache aus, dabei bleiben beide der figurativen Malerei verbunden. Anders als ihre Mitstreiter, welche sich vom Kubismus begeistern ließen, wollten Matisse und Bonnard die Idee über die Empfindung stellen. Beide sind davon überzeugt, dass die Realität der Ausgangspunkt ihrer Arbeiten ist und die Priorität auf der Darstellung statt dem Motiv liegt.

Matisse’s Bildkompositionen nehmen den Betrachter durch ihre klare grafische Struktur sofort gefangen. Seine Malerei zeichnet sich durch eine hohe Ästhetik der stark vereinfachten Form und durch die Anziehungskraft der Farbe aus. Hingegen sich Bonnards Darstellung erst auf den zweiten Blick erschließt, in welche man sich erst langsam hineinfinden muss.

Was dabei bemerkenswert ist, dass die beiden Künstler trotz des geringen Altersunterschiedes zwei entgegengesetzten Strömungen zugerechnet werden: Bonnard, mit seinem luftigen, lockeren Pinselduktus und dem Einsatz zarter, flirrender Pastellfarben als letzter großer Erbe des Impressionismus; Matisse, mit seinem Interesse an grellen Farben und flächigen, stark konturierten Bildkompositionen als ein weit ins 20. Jahrhundert weisender Pionier der Abstraktion.

Ein besonderer Höhepunkt ist der »Große liegende Akt« von Matisse: Dieses Hauptwerk ist zum ersten Mal seit über 30 Jahren wieder in Deutschland zu sehen und hat den langen Weg von Baltimore nach Frankfurt gefunden. Im Zwiegespräch mit Bonnards kompositorisch eng verwandtem Werk »Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund« ist ein direkter Vergleich nun möglich.

Wer Lust hat, sich diese beiden herausragenden Künstler und ihre unverwechselbare Formensprache, die von Arbeitseifer und Experimentierfreude geprägt wurde, in einer internationalen Ausstellung in der kalten Jahreszeit anzusehen, um einen Hauch vom Rauschen des Meeres und der Wärme der Côte d’Azur zu verspüren, sollte noch bis zum 14. Januar 2018 nach Frankfurt am Main reisen.

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im November 2017