Theaterpreisverleihung im Leipziger Schauspielhaus, November 2017 Foto: Daniel Merbitz

Rituale der Vergewisserung

Von Daniel Merbitz

Kommerz und Kunst – beide Bereiche des gesellschaftlichen Lebens scheinen sich lustvoll aus dem Arsenal der Hochglanzveranstaltungen zu bedienen, wenn es heißt, sich ihrer Werte, Positionen, ihrer Standards zu vergewissern, dabei auch partiell die Grenzen zueinander einreißend. Es scheint auch einen doppelten Adressatenstatus zu geben, wenn ein Akt, eine Schau, ein Ereignis zelebriert wird: nach innen, ins Selbst hinein, und nach außen, ins Fremde hinein, richten sich die einzelnen Perlen einer Show voller Hochleistungsdarstellung.

Nehmen wir, um konkret zu werden, stellvertretend für den Bereich des Kommerzes, die Internationale Automobil-Ausstellung, die alle zwei Jahre in Frankfurt am Main stattfindet. Ein Selbstschau, eine Selbstbetrachtung der wichtigen Industriebranche, die alle Akteure einbindet, von den Vorständen über die Händler bis hin zur Fachpresse, sekundiert von Standortpolitikern und anzeigenabhängigen Medienunternehmungen, letztere den Begriff der freien Presse karikierend. Technomusik bei einem Luxuswagenhersteller, Thermosflaschen für alle bei einem Mittelklasseproduzenten. Es glänzt der neue Lack, die fiesen Fusseln werden regelmäßig weggepustet, die Handfettflecken turnusmäßig weggewischt. Das Automobil wird arrangiert mit Hostessen und zuweilen extra gebuchten Models, die geschminkt, an den Pressetagen hochhackig, mit einem Dauerlächeln präsentieren, was die Ingenieurinnen und Ingenieure, die Arbeiterinnen und Arbeiter mit Intelligenz und Anstrengung entwickelt und zusammengebaut haben. Das augenscheinlich überwiegend männliche Publikum, die potentiellen Kunden, die Technikjünger und die Suchenden, die Tage später durch die Einlasskontrollen strömen, erwarten, weil Eintritt zahlend, diese Mischung, auch wenn die Damen wieder Ballerinas statt Pumps tragen. Blech, Plastik, geordnete Kabel – kein Salat, der wäre die falsche Botschaft –, Aluminiumguss und Öl paaren sich mit wuchtigen Eröffnungsreden, Herstellerabende jagen Presserunden, garniert mit Musik und Häppchen. Wichtige Leute sagen sich und ihrer Gruppe, was sie hören möchten, vergewissern sich ihrer selbst.

Und im Bereich der Kunst? So konträr die beiden gesellschaftlichen Bereiche erscheinen, so unversöhnlich sie sich zuweilen, auch idealerweise, gegenüberstehen mögen – zumindest in der Behauptung und im Selbstverständnis, was, wie wir ahnen, in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung keine feste Brücke ist – so ähnlich funktionieren die Selbstvergewisserungsriten.

Auch die Stadttheaterwelt greift tief hinein in die Glamour-Kiste und zaubert einen Gala-Abend herbei, evoziert Hollywood und Rehkitz-Spektakel, wenn jährlich »DER FAUST«, der deutsche Theaterpreis, jeweils in einer anderen Stadt verliehen wird. Dieses Jahr traf es Leipzig als stolzen Austragungsort. Der rote Teppich, die freiwillig und gern mitspielenden Abendgarderoben von kurz bis lang, das Blitzlichtgewittertrio an der Pforte, die schicken kleinen französischen Kioske im Foyer und die lachsbedeckten Schnittchen, die unaufgeregten Ehrengäste, die aufgeregten Nominierten, der Kabelsalat des Live-Streams für die Nichtgeladenen, polierten den Abend auf Hochglanz, dazu der singende Moderator und die wahrlich kunstvollen Vorstellungsfilmchen der Nominierungen. Die Auszeichnung für Bühne und Kostüm ging in unsere Region, nämlich an Sebastian Hannak von der Oper Halle. Ein Preis für das Lebenswerk ist ein Muss, fast ein neurotischer Zwang für alle großen Ehrengalas und wird als Teil der Verleihungsmetaphorik begriffen, allein der Begriff ist befremdlich, da es eher nach Abschied und Nachruf klingt als nach Ermutigung und Zukunft. Unabhängig von solchen Ausdeutungen ging dieser Lebenswerkpreis, verdient und zu Recht, an die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Die Preisträgerin, bekanntermaßen öffentlichkeitsscheu kam natürlich nicht nach Leipzig, was aber dem Aufpolieren des Deutschen Theaterpreis nicht abträglich war. Elfriede Jelinek hat den Theaterpreis »DER FAUST« ausgezeichnet – so kann vielleicht auch eine Schlagzeile gedacht werden, vorsichtig nur, hinter vorgehaltener Hand. Hier vergewissern sich die Akteure mittels Instrument der Auszeichnung ihres Wertesystems, rührige Intendanten applaudieren und hoffen, dass die nächste Zwangsfusion oder Spartenstreichung an ihnen vorrübergeht. Hier ist ein Ort des Pausengespräches, auch wenn Außen nicht mehr als eine bilderlose Spalte, wie in den bürgerlichen Blättern, übrig bleibt, oder eine handwerklich gut gemachte 3sat-Dreiviertelstunde. Es ist eben keine Lackkarossenindustrie, die sich um Geld und Lobby und Medien keine Sorgen machen muss. Das Theater steht im neoliberalen Rechtfertigungsdruck, noch immer, aber nicht mehr ausnahmslos schutzlos. Gute Stadtpolitik kann auch das Stadttheater bewahren. Und egal ob Automesse oder Theater: Glanz und Glamour üben einen unwiderstehlichen Reiz aus. Selbst- und Fremdvergewisserungsthesen hin oder her.

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im Dezember 2017