Olaf Thormann

Olaf Thormann, Direktor des Grassi Museums für Angewandte Kunst,PR/Grassi Museum

»Wir platzen aus allen Nähten!«

Olaf Thormann, Direktor des Grassi Museums für Angewandte Kunst, im LNS-Interview

LNS: Es gibt keinen Baubeschluss seitens der Stadt Leipzig für einen Erweiterungsbau des Grassi Museums am Johannisplatz. Auch eine Ausschreibung für einen Architektenwettbewerb hat es nicht gegeben. Wieso jetzt diese Ausstellung mit Ideen für einen Neubau?

Olaf Thormann: 2024 werden das GRASSI Museum für Angewandte Kunst und das Völkerkundemuseum das 150. Jubiläum ihrer Eröffnung begehen. 2029 folgt die 100. Wiederkehr der Fertigstellung des »neuen« Grassimuseums am Johannisplatz. Das wirft natürlich Fragen nach der Zukunft auf. Die drei national bedeutenden Museen im GRASSI stehen jeweils unter unterschiedlicher Trägerschaft und teilen sich eine bauliche Hülle, die in Sonder- und Gemeinschaftseigentum unterteilt ist. Die Anforderungen der Besucher an Museen und andere Kulturinstitute steigen stetig und Leipzig wächst. Wir können uns also schlechterdings zurücklehnen. Der Erweiterungsbedarf ist seit vielen Jahren evident und unsere Arbeit wird zunehmend von den räumlichen Defiziten beeinträchtigt. Konkret kam unsere jetzige Ausstellung so zustande: Am Rande einer unserer Veranstaltungen ergab sich 2017 ein Gespräch mit den Professoren Benedikt und Ansgar Schulz. Es lief darauf hinaus, wie ideal sich das Thema einer GRASSI-Erweiterung auf dem Johannisplatz für die Masterarbeiten Dortmunder Architekturstudenten eignen würde. Diese Chance konnten wir uns nicht entgehen lassen. Es kam rasch zu einer Kooperation mit der TU Dortmund. Aus den zwölf ausgewählten Masterarbeiten, die wir nun vorstellen, lässt sich bereits viel ableiten. Sie liefern die Steilvorlage für eine Debatte, die wir eröffnen möchten. Für eine Sammlung von Ideen, für eine qualifizierte Diskussion um die Zukunft des GRASSI. Eine solche inhaltliche Auseinandersetzung, für die wir uns möglichst viele Partner wünschen, muss notwendigerweise mit genügend Vorlauf lange vor einem etwaigen Baubeschluss oder einer Ausschreibung geführt werden.

Brauchen die drei Museen, die im Grassi Museumskomplex untergebracht sind, mehr Ausstellung-, Depot- und Servicefläche?

Definitiv ja. Wir platzen aus allen Nähten! So großzügig wie das Grassimuseum auf den ersten Blick erscheinen mag: Es ist ja schon 1929 aufgrund der Weltwirtschaftskrise nur als der Torso einer eigentlich größer gedachten Anlage fertiggestellt worden. Die Sanierung in den Jahren 2000 bis 2005 war ein Quantensprung für die drei Museen, hat sie wieder arbeitsfähig und attraktiv gemacht. Aber es ist kein Quadratmeter mehr Nutzfläche hinzugekommen, obwohl Sammlungen wie auch Aufgaben in den letzten Jahrzehnten stark angewachsen sind. Und wir wachsen ja weiter. Jährlich kommen im Schnitt circa 2000 Objekte neu in die Sammlungen. Der Depotbedarf der drei Museen ist enorm, allein bei unserem liegt er bei etwa 5000 Quadratmeter. Trotz der Sanierung mussten die Museen große Außendepots hinzumieten, die aber nicht auf Dauer angelegt sind und nun Handlungsdruck erzeugen. Auch im Falle einer Erweiterung wird man kaum alle Bestände komplett ins Haus holen können, es gilt aber doch, am Johannisplatz einen beträchtlichen Teil der Sammlungen fachgerecht unterzubringen. Kurze Wege, kleiner Aufwand, hohe Sicherheit! Bei den Ausstellungsflächen liegt die Betonung vielleicht nicht primär auf dem „mehr“, welches wir uns dennoch wünschen, sondern noch stärker auf einem Standard hinsichtlich Klimakonditionierung, Raumhöhe, flexibler Gliederungsmöglichkeiten, technischer Ausstattungen et cetera, der es uns ermöglicht, stärker am Austausch internationaler hochkarätiger Ausstellungen zu partizipieren. Durch die Verlagerung von Sonderausstellungsflächen in einen Erweiterungsbau könnten bisher dafür genutzte Räume zum Beispiel in temporär zugängliche Schaudepots umgewandelt werden. Also doppelter Gewinn! Völlig unterschätzt wird in der Regel der Bedarf an Serviceflächen. Der Charakter der Museen hat sich gewandelt. Wir sind idealerweise Orte der Begegnung und des Austauschs. Und so etwas beginnt mit einladenden, großzügig geschnittenen Foyers oder einem gastronomischen Angebot, das vom Frühstücksei bis zum Mitternachtssekt reicht und nicht in Abhängigkeit von den Schließzeiten der Ausstellungen steht. Wir brauchen neue Räume für moderne Vermittlungsangebote und für Veranstaltungen. Wir wollen eine Fläche, um den Besuchern zu zeigen, was die Dreiheit der Museen im GRASSI ausmacht, was sie erwartet. Unsere Freundeskreise müssen präsent sein können. Und auch Mitarbeiter, Aufsichten oder eine vor Ort dringend benötigte Hausverwaltung oder Betriebsgesellschaft benötigen Räume. Uns fehlen Lagerflächen für Vitrinen, Sockel und Stellwände und für temporär einzeln lagerndes Ausstellungsgut. Es geht also sowohl um all jene Bereiche, die für einen reibungslosen, professionellen Ablauf hinter den Kulissen notwendig sind, wie selbstverständlich auch um jene, die den Besuch für unsere Gäste angenehm und attraktiv machen.

Ein großer Architektenname kann anziehend für Touristen sein, dies beweisen die Bauten von Daniel Libeskind bis hin zu Renzo Piano. Ist dies eine Option?

Wir hatten ja schon einmal einen der großen Architekten im Boot: David Chipperfield. Er hatte in den 1990er Jahren – noch bevor er von den Staatlichen Museen in Berlin beauftragt wurde! – den Auftrag, einen GRASSI-Masterplan zu erarbeiten. Diesen hätten wir auch liebend gern umgesetzt gesehen. Aber die von Chipperfield ermittelte notwendige Bausumme wurde vom Sächsischen Finanzminister halbiert, womit Chipperfield aus dem Rennen war. Es kommt also erst einmal darauf an, über eine Planung und die damit verbundenen Kosten Konsens zu erzielen. Im Übrigen meine ich, dass auch weniger bekannte oder noch junge Architekten eine Chance haben sollten. Wichtig ist in erster Linie die architektonisch-städtebauliche Qualität.

Die Sanierung des bisherigen Grassi-Museum war ein Kraftakt. Gibt es schon Finanzierungsansätze?

Mittel für Bauvorhaben auf den Weg zu bringen, ist immer ein enormer Kraftakt. Finanzierungsansätze für eine GRASSI-Erweiterung bestehen noch nicht. Sie setzen ja voraus, dass Einigung über das Bauvolumen und die Bauausstattung besteht und eine Kostenberechnung vorliegt. Da stehen wir noch ganz am Anfang! Andererseits: Es gibt eben auch Zeiten, in denen vergleichsweise viel Geld zur Verfügung steht. So geht ja gerade auf Thüringen und Sachsen-Anhalt ein unglaublich warmer Regen an Bundesmitteln nieder. Allein für das Lindenau-Museum Altenburg stehen 48 Millionen Euro zur Verfügung, was mich für diese wichtige Sammlung und ihre für die Region identitätsstiftende Rolle sehr freut. – Zum Vergleich: Für die komplette Sanierung des GRASSI mit seinen drei Museen hatten wir 35 Millionen zur Verfügung. Unsere heutigen Probleme resultieren ja leider vor allem aus den damals streng gedeckelten Finanzmitteln. Alle drei Museen im GRASSI sind Mitglieder der 24 Institutionen umfassenden Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen, also evaluierte kulturelle Leuchttürme in den ostdeutschen Bundesländern. Ich bin sehr zuversichtlich, dass bei einer engagierten Lobbyarbeit unserer Abgeordneten weder Bund noch Land ihre Mittel versagen würden.

Was müssten die nächsten Schritte sein?

GRASSI FUTURE sehen wir als einen Prozess, der mit unserer Ausstellung eröffnet wird. Wir wollen mit möglichst vielen Partnern sprechen, Einigung darüber erzielen, wie eine bauliche Erweiterung des GRASSI aussehen könnte, welches Raumprogramm verabschiedet werden soll. Eine Fokusgruppe könnte dabei sehr nützlich sein. Nur wenn die GRASSI-Idee leuchtet, hat sie Aussicht auf Realisierung. Auf dieser Basis muss es dann eine Vorplanung geben, die zu klaren Erkenntnissen über die notwendigen Investitionen führt. Erst dann wird darüber entschieden, wie relevant eine GRASSI-Erweiterung für die Gesellschaft der Stadt und des ganzen Landes ist.

Vielen Dank und alles Gute!

Interview: Daniel Merbitz

Der Beitrag ist – leicht gekürzt – erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im Dezember 2018