Unschuld im Zeugenstand

Von Roman Stelzig

»Mein Name ist Ray Krone. Bevor ich 2002 entlassen wurde, verbrachte ich mehr als zehn Jahre in Gefängnissen im US-Bundestaat Arizona, davon fast drei Jahre im Todestrakt für einen Mord, den ich nicht begangen habe.«

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»Heute widme ich mein Leben der Verbesserung eines Rechtssystems, das mir Unrecht getan hat. Ich kann dem Staat nicht zugestehen einen Menschen hinzurichten für ein Verbrechen gegen eine andere Person. Ich weiß, wie das System funktioniert. Es geht nicht um Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit.«

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»Jede Möglichkeit, seien es ein oder zwei Menschen, sei es ein gefüllter Saal, nutze ich, um zu berichten, was mir wiederfahren ist. Denn was mir geschah, kann auch anderen passieren.«

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Die Bedeutung mancher Dinge offenbart sich direkt und einfach: Ob er aufgeregt sei, frage ich Ray Krone in einem persönlichen Gespräch wenige Minuten, bevor er einen Vortrag im Universitätshörsaal vor Leipziger Studenten hält. Und der Mann im mittleren Alter, dessen Haare sich allmählich grau färben und dessen Gesicht deutliche Spuren des Lebens trägt, lächelt scheinbar nachsichtig über meine Frage, die ihn amüsiert.

Er wurde am 20. November 1992 von einem Gericht im US-Bundestaat Arizona zum Tode verurteilt – das hier regt ihn nicht auf. So beiläufig diese Sätze fallen, um ein Gespräch in Gang zu setzen, so deutlich scheinen mir Frage und Antwort einen Unterschied zwischen zwei Menschen zu kennen, die eine Erfahrung trennt.

Ray Krone, der seinen Militärdienst in der US-Marine absolviert hat, ist 35 Jahre alt und arbeitet als Postbote in Phoenix, als er am 29. Dezember 1991 eine Bar in der Nähe seines Wohnortes betritt. Die Tür ist offen, Menschen sind nicht zu sehen, und der frühe Gast wundert sich, warum das Geld in der Kasse so ungeschützt dem Zugriff fremder Menschen ausgesetzt ist.

Als er die Räume betritt, wird er unfreiwillig zum ersten Zeugen an einem Tatort: Auf der Herrentoilette liegt die Leiche der Barfrau Kim Ancona, die mit elf Messerstichen getötet wurde und Bisspuren auf Nacken und Brust aufweist. Zum Verhängnis wird ihm seine Zeugenschaft, nachdem in weiteren Gesprächen der Polizei sein Name fällt als Freund der Getöteten, die er nur aus gelegentlichen Besuchen der Bar kennt.

Was am Anfang wie eine Farce wirkt, wird tödlicher Ernst. Polizeiwachtmeister besuchen Ray Krone, stellen Fragen, durchsuchen seine Wohnung, nehmen Gebissabdrücke und verhaften ihn schließlich als Hauptverdächtigen im Mordfall.

Zehn Monate dauert das Verfahren, geführt von einem Staatsanwalt, für den ein errungenes Todesurteil der Aufstieg der beruflichen Karriere bedeutet, und einem Pflichtverteidiger, den ein Mensch gestellt bekommt, der sich die hohen Kosten für einen guten Anwalt nicht leisten kann. An seinem Ende steht ein Urteil, das Ray Krone zwar schockiert, aber an dessen Vollstreckung er nach seinen Worten niemals geglaubt hat.

Seine Familie und Freunde halten zu ihm. Ihre finanzielle Unterstützung und ein Verfahrensfehler, nach dem die Übereinstimmung der Bisspuren auf der Leiche und Ray Krones Gebissabdruck unzureichend bewiesen wurden, ermöglichen 1995 einen neuen Prozess.

Doch obwohl darin festgestellt wird, dass der einzige stichhaltige Beweis gegen die Täterschaft Ray Krones eben nicht stichhaltig ist, folgt das Gericht der Argumentation der Staatsanwaltschaft: Ray Krones Schuld steht zweifelsfrei fest. Es wandelt das Todesurteil in eine lebenslange Haftstrafe.

Acht weitere Jahre verbringt der Verurteilte im Gefängnis, bis 2002 DNA-Analysen als Beweismittel vor US-Gerichten zugelassen werden. Ein Vergleich der DNA-Spuren an den Kleidungsstücken von Kim Ancona mit der polizeilichen Datenbank erbringt Übereinstimmung mit dem genetischen Fingerabdruck von Kenneth Philipps.

Der wurde bereits wegen Kindesmissbrauchs zu einer Haftstrafe verurteilt, weist zufällig eine ähnliche Zahnstellung wie Ray Krone auf und gibt nach einer Befragung an, sich an einen Streit mit der Ermordeten in der Küche der Bar erinnern zu können, bevor er blutüberströmt neben der Leiche aus einem Alkoholrausch erwacht sei.

Ray Krone wird am 8. April 2002 entlassen. Er ist der 100., der in den USA als unschuldig Verurteilter aus dem Todestrakt freigelassen wurde.

Wie viele Menschen, die die scheinbare Sinnlosigkeit eines Schicksaals überwinden, indem sie es zur Berufung machen, engagiert sich Ray Krone seitdem gegen die Todesstrafe: Er erzählt seine Geschichte. Gemeinsam mit der Ordensschwester und Aktivistin gegen die Todesstrafe Helen Prejean gründet er 2003 die Organisation Witness to Innoccence (auf Deutsch Zeugen der Unschuld), ein Zusammenschluss aus freigelassenen ehemaligen Häftlingen US-amerikanischer Todeszellen und ihrer Angehörigen.

Ihre Mitglieder reisen durch die USA und in andere Länder der Welt, um an Schulen, Universitäten, öffentlichen Einrichtungen und Versammlungen anderen von ihren Erfahrungen und Erlebnissen zu berichten.

Zehn Prozent aller Verurteilten sind Unschuldige, verdeutlicht Ray Krone, und es sind nur diejenigen, die uns bekannt sind. Sicher wurden auch in der Vergangenheit bereits Menschen für Verbrechen hingerichtet, die sie nicht begangen haben.

Doch Witness to Innoccent und anderen Organisationen, die sich gegen die Todesstrafe engagieren, geht es nicht nur um die Unschuldigen. Sie fordern die Abschaffung der Todesstrafe für alle Menschen, weil kein Staat das Recht habe, einen Menschen hinzurichten.

Um diesen Gedanken seinen Zuhörern nahezubringen, haben die Initiative gegen Todesstrafe, der Studentenrat und Amnesty International Ray Krone nach Leipzig eingeladen. Der Anlass ist der Internationale Tag der Menschenrechte am 10. Dezember. Das Interesse des Publikums, das sich zu meinem Erstaunen überwiegend aus jungen Frauen zusammensetzt, ist deutlich zu spüren, ebenso wie die Begeisterung des Redners für sein Anliegen. Gelegentliche Scherze lockern eine Erzählung auf, die viele Zuhörer sichtlich berührt.

Auch die Stadt, gesteht mir der Amerikaner in Leipzig, hat es ihm angetan: »Ich bin sehr beeindruckt von Leipzig. Besonders verblüfft hat mich die Anzahl entscheidender Augenblicke der europäischen und deutschen Geschichte, die sich tatsächlich genau in dieser Stadt vollzogen haben: Der Anfang vom Ende des französischen Reiches mit Napoleons Niederlage in Leipzig. Die Proteste, die vor 25 Jahren hier begonnen haben und kurze Zeit später zum Fall der Berliner Mauer führten. Ich denke, das sind beides große Momente der Weltgeschichte und Deutschlands.«

Mit dem Geist dieses Ortes, der durch kleine Taten große Änderungen der Geschichte bewirken kann, appelliert Ray Krone an sein Publikum, bevor der gefragte Redner am Ende eines eindrucksvollen und langen Abends um etwas Ruhe für sich bittet.

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe Januar 2015

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